Am Montagabend (9. Juli 2018) ist die Gruppe 2 des Löschzugs Leer zu einem Verkehrsunfall auf dem Gelände der Kläranlage in Leer gerufen worden. Dort habe sich ein Verkehrsunfall mit Beteiligung eines Gefahrguttransporters ereignet, bei dem auch zwei Personen zu Schaden gekommen sein sollen.

An diesem Abend handelte es sich glücklicherweise nur um die Übung eines möglichen Ernstfalls mit Beteiligung chemischer Gefahrstoffe am Unfallort. Dazu lautete die angenommene Lage wie folgt: Verkehrsunfall eines PKW mit Anhänger, auf dem ein mit 1.000 Litern Wasserstoffperoxid-Lösung gefülltes Gebinde geladen war. Dieses habe sich gelöst und eine Person unter sich eingeklemmt. Auch sei ein herbeigeeilter Helfer nach Inhalation der entweichenden Chemikalie bewusstlos geworden.


Die etwa fünfzehn Teilnehmer der Übung gingen wie im echten Einsatz vor: Bis zum Eintreffen der Spezialkräfte aus Emsdetten (einer von zwei ABC-Zügen im Kreis Steinfurt), die im Ernstfall gleichzeitig zur Einsatzstelle gerufen worden wären, kann es eine Weile dauern. In dieser Zeit arbeiten die Kräfte der Feuerwehr vor Ort nach der GAMS-Regel, um eine Ausweitung der Gefahrstoffe zu verhindern und insbesondere die akute Gefahr für Leben und Gesundheit der am Unfall beteiligten Menschen abzuwenden:

1. Gefahr erkennen (und nachrückende Kräfte warnen),
2. Absperren, und gleichzeitig
3. Menschenleben retten und
4. Spezialkräfte nachfordern.

Aufgrund der Meldung konnten diejenigen Führungskräfte, die zuerst die Einsatzstelle erreichten, bereits vorsorglich Maßnahmen zum Eigenschutz treffen, indem sie beispielsweise mit der Windrichtung anfuhren und somit die Gefahr einer Kontamination mit dem womöglich ausgetretenen Gefahrstoff so gering wie möglich hielten. Auch halfen die Schilderungen des Unfallfahrers und normierte Gefahrensymbole an der Ladung, die Lage gleich zu Beginn richtig einschätzen und das weitere Vorgehen der Einsatzkräfte planen zu können.
Schon während der Anfahrt hatten sich vier Feuerwehrleute auf dem LF 20 mit Atemschutzgeräten ausrüsten können, sodass ein erster Trupp sogleich in den Gefahrenbereich zur Menschenrettung vorgehen konnte, während die nachrückenden Kameraden gleichzeitig in einem Radius von etwa 50 Metern um die Unfallstelle eine Absperrung mit Flatterband errichteten.

Auch im realen Einsatz bleibt selbst bei Austritt eines Gefahrstoffs keine Zeit, aufwendige Schutzkleidung (bspw. Chemikalienschutzanzüge) anzulegen oder auf den damit ausgerüsteten ABC-Zug von Außerhalb zu warten. Deshalb tragen die vorgehenden Kräfte ihre übliche Schutzkleidung und können sich zunächst nur durch dichtes Abschließen der Kleidung, sowie das Überziehen von Einmalhandschuhen und ihrer Flammschutzhaube schützen. Selbstverständlich tragen sie dabei Umluft-unabhängigen Atemschutz (Luft aus Druckluftflaschen) und versuchen bei der Menschenrettung größtmöglichen Abstand zu den gefährlichen Stoffen und Gütern zu halten.
Zuerst gehen zwei Kameraden in den Gefahrenbereich vor und helfen dem Einsatzleiter bei der Einschätzung der Lage. UN-Nummern und Bezeichnungen, Piktogramme und Symbole auf den Behältern geben einen ersten Hinweis auf die vom Stoff ausgehende Gefahr und bestimmen das weitere Vorgehen: Dürfen kontaminierte Personen überhaupt mit Wasser gesäubert werden? Kann im Gefahrenbereich mit funkenreißendem Werkzeug gearbeitet werden oder ist der Stoff hochentzündlich oder gar explosiv?
Auf Grundlage dieser Erkenntnisse bestimmt der Einsatzleiter das weitere Vorgehen und zieht gegebenenfalls weitere Einsatzmittel, Spezialkräfte und Fachberater hinzu.

Priorität hat stets die Menschenrettung, die sogleich vom vorgehenden Trupp durchgeführt wird. Der ebenfalls unter Atemschutz befindliche Sicherheitstrupp wartet derweil an der Absperrgrenze, um im Notfall die eigenen Kameraden retten zu können. Er kann nun die Not-Dekontamination der zuerst geretteten Person übernehmen, Erste Hilfe leisten und den Patienten an den Rettungsdienst übergeben, der außerhalb der Absperrung wartet.
Die andere Person (in der Übung selbstverständlich von einer Puppe gespielt), die bei dem angenommenen Unfallszenario unter dem Gebinde eingeklemmt worden war, konnte durch den ersten Trupp alleine nicht aus ihrer Lage befreit werden. Mit Unterbaumaterial und Hebewerkzeug eilte deshalb der Sicherheitstrupp zur Hilfe. Gemeinsam konnten sie den Behälter anheben, sichern und die eingeklemmte Person befreien, dekontaminieren und dem Rettungsdienst zuführen.

Zuletzt galt es, selbst den Gefahrenbereich zu verlassen, ohne den Gefahrstoff über die Einsatzstelle hinaus zu tragen (Kontaminationsverschleppung). Dazu dekontaminierten sich die vier Kameraden gegenseitig, halfen sich beim äußerst vorsichtigen Ablegen der Schutzkleidung und verließen nacheinander den Gefahrenbereich.


Brandinspektor Sebastian Robers, der hauptberuflich bei der Berufsfeuerwehr Münster arbeitet und am Institut der Feuerwehr Nordrhein-Westfalen (IdF NRW) ausgebildete Führungskraft im ABC-Einsatz ist, hatte die Übung für seine Kameraden ausgearbeitet und vorbereitet. Er zeigte sich nach Abschluss zufrieden mit der Leistung der Mannschaft, die selbst angesichts einer derart seltenen Lage sicher, schnell und reibungslos gearbeitet hat.

Text: Bienbeck / Bilder: Robers u. a.


    

Letzter Einsatz

Verkehrsunfall

Horstmar, Alst (L 550)

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